Maelstrom

23 Mar 2015. By Christian Grobmeier
Eines Abends fragte mich der alte Zen-Meister was das “Eine” sei.
Darüber musste ich lange nachdenken, sogar noch nach seinem Tod.

Es gibt kein du und ich.

Es gibt nur “Eins”, sagte mein Meister mir eines Tages. Es gibt kein du und ich; es ist alles nur “Eins”. Es war spät. Ich verstand ihn nicht. “Was glaubst du, was das Eine ist?”, fragte er mich.

“Ich weiß es nicht”, sagte ich.

“Du musst anfangen zu denken!”, sagte er etwas harsch.

Ich dachte darüber nach. Ich sagte das “Eine” sei vielleicht ein Ball. Ich weiß nicht mehr warum mir das Bild eines Balls in den Sinn kam. Ich konnte sehen, dass er meine Antwort in Frage stellte. “Weil der Ball perfekt ausbalanciert ist. Vielleicht ist es so, dass innen alles das gleiche Gewicht hat. Es gibt keine Ecken”.

Meine Antwort kam sogar mir selbst dumm vor.

“Du musst anfangen zu denken”, sagte er wieder. Dann bezahlten wir unsere Drinks und gingen nach Hause. Es war schon 2 Uhr morgens. Wir waren alle müde. Bis auf den Meister. Der Meister war 77, aber er fühlte sich niemals müde.

Zwei Jahre später kann ich nicht mehr mit meinem Meister sprechen. Ich muss selbst herausfinden, was es mit dem “Einen” auf sich hat. Manchmal habe ich das Gefühl, dass kein Rätsel dahinter steckt. Wir alle waren das “Eine”. Dann sehe ich die Nachrichten. Ich bezweifle dass wir alle “Eins” sind. Aber wer bin ich um daran zu zweifeln?

Gedanken an das Eine.

Wenn wir alle aus dem “Einen” entstanden sind, dann ist das “Eine” wie fließendes Wasser. Zuerst sehen Sie nur das Wasser, und das hat keine Identität. Es gibt kein “du” oder “ich”. Aber wenn Sie genau hinschauen, dann fließt Wasser niemals geradeaus oder lautlos. Es gibt diese winzigen Strömungen. Wenn Sie eine Strömung sehen, können sie darauf zeigen, ihr einen Namen geben und sagen:”Hey du, was machst du heute?”.

Aus irgendeinem Grund wird ein Leben geboren. Etwas entsteht aus dem “Einen” und bekommt eine Identität. Wie Strömungen. Sie beginnen zu leiden sobald Ihre Mutter Ihnen das Leben schenkt. Es gibt Krankheiten. Es gibt das Alter. Es gibt den Tod. Aus irgendeinem Grund scheinen wir alle zu vergessen, dass wir alle Teil des “Einen” waren.

Wenn wir jung sind, leben wir als gäbe es kein morgen. Wenn wir alt sind und kurz vor dem Sterben stehen, weinen wir als hätten wir niemals gelebt, sagte Kōdō‎ Sawaki.

Was wäre, wenn wir uns daran erinnern würden dass wir das “Eine” sind? Was wäre, wenn ich mich daran erinnern würde?

Ganz bestimmt wäre ich nicht mehr deprimiert, wenn die Arbeit hart ist und ich nicht raus kann, um die Sonne zu genießen. Ich würde mir nicht so viele Sorgen über die Zukunft machen. Ich könnte einfach draußen sitzen, die Sterne ansehen und ein Glas Bier genießen.

Aber das mache ich nicht. Ich arbeite immer noch wie ein Idiot an meinem Startup. I denke jeden Tag an mein Geld und ob es genug ist (das ist es immer). Ich überlege Verträge anzunehmen die einfach dämlich sind. Nur weil sie ein bisschen Geld bringen würden, das ich in den meisten Fällen nicht brauche.

Sie könnten sagen, ich denke über das “Eine” nach und habe eine Idee, aber mein Meister hat Recht. Ich habe noch nicht angefangen, darüber nachzudenken. Ich weiß was es ist, was es bedeuten könnte und wie es mein Leben beeinflussen würde. Aber ehrlich gesagt, ich habe noch nicht über das “Eine” nachgedacht, weil ich wissen sollte dass ich mein Leben vorsichtig überdenken müsste.

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Körper und Geist.

Heute ist einer dieser Tage an denen ich nicht die Chance hatte, viel zu arbeiten. Ich bin immer deprimiert, wenn ich nicht im “workflow” bin. Ich höre eine Rockband: Girlschool. Ich kenne alle Motörhead Songs auswendig, Zeit für etwas Neues. Es ist eine tolle Gruppe. Ich konnte nicht arbeiten, also sah ich aus dem Fenster und zählte die Sterne.

Plötzlich dachte ich an das “Eine”. Ich realisierte, dass ich eine Strömung war, die eines Tages sterben wird. Vieleicht erinnert sich jemand an meine Worte, aber niemand wird sich an mich erinnern. Ich fragte mich warum ich weitermachen und Musik machen sollte. Warum sollte ich die Shakuhachi spielen? Oder irgendeines der anderen Instrumente die ich spiele? Es gibt keinen Ruhm den ich damit erreichen könnte.

Ich habe Musik und Kunst allgemein missverstanden. Es ist nichts Sinnloses, Unsinniges, wenn Sie das “Eine” kennen. Kunst existiert nicht um damit Ruhm zu erreichen. Kunst ist die Erinnerung an das “Eine”. Wenn Sie Kunst mit Ihrem Körper und Ihrer Seele machen, werden Ihr Körper und Ihre Seele sich daran erinnern was Sie innerhalb des “Einen” waren. Kunst bringt den Ursprung der Strömung zu Tage. Kunst drückt die tiefsten Gefühle aus, die man haben kann — und das ist das “Eine”.

Ich weiß jetzt, dass Leute die berühmt sein wollen keine Kunst erschaffen. Sie machen Geschäfte. Aber Menschen die sich selbst bloß durch Kunst ausdrücken wollen, ohne im Gegenzug irgendetwas zu erwarten, zeigen uns das “Eine” durch ein kleines Fenster.

Nun weiß ich, dass der Meister Recht hatte. Ich muss anfangen zu denken. Ich mache das durch das Praktizieren von Suizen. Es erinnert mich an das “Eine” und daran, dass mein Business nichts ist im Vergleich zu den Sternen.